'Manual for Successful Rioting': Titel und Agenda des neuen Albums von Birdy Nam Nam.
Aufstand und Revolution? Nun, zumindest Evolution.
Eine neue Herausforderung.
Vom allerersten Track an werden die für Warp-Künstler typischen Elektro-HipHop-Referenzen aufgerufen, eine 3-Minuten-Brücke aus der Vergangenheit in die Gegenwart, deren anderes Ende sich durch Synthesizer-Noten in kreischender Transformation ankündigt.
Ein neue Herausforderung: ein neues Paris.
Birdy Nam Nam sind die legitimen Thronfolger von JUSTICE, in Frankreich sind es
nämlich Birdy Nam Nam die mittlerweile alle Electronica Festivals als Headliner bespielen, und da
JUSTICE selbst den Sound von Birdy Nam Nam zu schätzen wissen haben sie den Track 'A PARACHUTE ENDING' gemeinsam produziert.
Von Montmartre nach Grand Boulevards: zwei Metro-Stationen stecken das Areal ab vom Akkordeon-geschmückten 'Abbesses' - harmonierend mit Scratch-Music Ästhetik - bis hin zu 'Bonne Nouvelle'.
Wie die Bedeutung (gute Nachrichten) schon suggeriert, ruft 'Bonne Nouvelle' ein neues gemeinsames Manifesto aus. Die ersten Sekunden zeichnen das Ende eines Free-Rock-Geschosses auf oder Free-Jazz-Double-Bass, mit Punk-Drummerbeats und Synthesizersounds, die es mit Mirwais zu Taxi-Girl-Zeiten aufnehmen könnten. Dann ein Gitarrenriff und sie heben ab - niedrige Frequenzen voller dumpfer Drohungen - die Spannung ist greifbar. Wie ein nächtlicher Graffiti-Angriff am Bahnsteig, Adrenalin mit aller Gewalt unterdrückt, die Operation bleibt geheim um die Farben bei Tag um so heller explodieren zu lassen: 'War Paint' Donnergrollen im Untergrund, brummender Bass, Druck.
Der Track ist zum Bersten angefüllt mit dieser brodelnden Spannung: elektrische Vergnügen der Art, die den Dampfkocher zischen lassen, Dampf entweicht, Siedepunkt.
Feuer schwelt unter dem Sicherheitsventil, bereit zur Eruption. Wenn es durchbricht, führt es uns zu 'Worried'. Explosion, Ende der beengenden Unterdrückung, Dancefloor in Flammen: Birdy Nam Nam haben einen brandneuen Molotow-Cocktail gemixt.
Bilder blitzen im Bewusstsein auf: ironische Rebellion, ein Gemisch aus HipHop, Elektro und Zeug. Chaotische Musik-Liebhaber, zieht Euch das rein!
Wenn's Dir nicht gefällt, 'Shut up', eine ganz eigene Booty-Bass-Variation vom Allerfeinsten, kein bisschen Macho - vergleiche dazu 'Homosexuality', ebenso dem haarigen wilden Mann gewidmet. Witz unter Jungs.
Und diese Jungs sind frei und völlig ungehemmt: 'Trans Boulogne Express' ist keine Ode an Kraftwerk, sondern ein außergewöhnlicher, energiegeladener Trip in die dunklen Wälder im Westen von Paris. Birdy Nam Nam nehmen uns mit auf eine Tour in ein anderes Paris.
Soviel ist klar.
Glasklar. Und voll krachender Percussions. Üppig ausgestattet mit perkussiven Aufwärtshaken, vermutlich der langjährigen Erfahrung mit handgemachter Musik geschuldet, den vielen Jahren mit den Fingerspitzen an den Decks.
Wenn der Aufruhr im Moshpit im Olympia in Paris im September 2008 irgendetwas zu bedeuten hat - Gast Yuksek fackelte ein Feuerwerk ab wie James Coburn in 'A Fistful of Dynamite' (ein französisches Elektro-Genies, er hat das komplette Album produziert) - dann wird 'Manual for successful rioting' selbst die gleichgültigsten Ohren wegblasen.
'Manual for successful rioting' ist ein präzises Handbuch der Befreiung.
Befreiung von einer Reihe von Kontrollen und Einschränkungen, die der ungehinderten Entfaltung der Persönlichkeiten von Crazy B, Lil' Mike, Need und Pone womöglich im Weg standen. Also stürzten sie sich ins Schlachtengewühl, wie ein Steinschleudergeschoss oder ein Fallschirmspringer - der abschliessende Track, körperliche Ertüchtigung im freien Fall. Ein Gefühl der Freiheit.
Birdy Nam Nam sind am Start.